David Kirkpatrick: Der
Facebook-Effekt
An der Universität habe ich ursprünglich englische Literaturwissenschaft studiert. Als Student hatte ich keine Ahnung, wie wichtig technologischer Fortschritt für die Entwicklung der Menschheit ist. Ich hatte aber das Glück, 1983 als Journalist beim „Fortune Magazine“ anzufangen. Während der zweieinhalb Jahrzehnte, die ich bei „Fortune“ verbrachte, konnte ich viele globale Entwicklungen aus der ersten Reihe verfolgen. Wirtschaft ist das Kernthema von „Fortune“. Am beeindruckendsten fand ich jedoch den Einfluss von Technologie auf alle Arten menschlicher Aktivität. Technologie ist die treibende Kraft der Moderne.
Dieser Einfluss verstärkt sich, weil sich auch Technologie selbst immer schneller entwickelt. Das Mooresche Gesetz – das die Verdopplung der Komplexität von Schaltkreisen innerhalb von 18 bis 24 Monaten postuliert – erklärt einen immer größeren Teil menschlichen Fortschritts. Wir entwickeln uns weiter, weil sich die Technologie weiter entwickelt. Die Technisierung stellt uns immer wieder vor praktische und moralische Probleme, insgesamt betrachtet ist der Einfluss von Technologie auf unser Leben jedoch sehr positiv.
Mein aktuelles Buch „Der Facebook Effekt“ beschäftigt sich mit dieser Frage. Ich bin überzeugt, dass Geschichte und Entwicklung von Facebook signalisieren, welchen enormen Einfluss Technologie auf unser Leben hat. Social Media wäre ohne das Mooresche Gesetz niemals möglich gewesen – die Entwicklung des Computers, das Aufkommen des Internets und von Open Source Software, und schließlich auch die Kreativität eines jungen Studenten in Harvard.
Im Grunde ist Facebook vor allem eine Plattform zur Emanzipation des Nutzers. Ich glaube fest daran, dass diese Entwicklung zu begrüßen ist. Die Freiheit des Einzelnen liegt den Vorstellungen zu Grunde, auf denen westliche, demokratische Gesellschaften fußen. Wenn das Internet und die technologische Innovation diese Entwicklung weiter bestärken kann, ist das ein unwiderlegbarer Beweis für die positive Kraft, die Technologie entfalten kann.
Diese Emanzipierung hat direkte, eindeutige Konsequenzen für Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Marketing. Den jüngsten Beleg für diese These liefert uns die Entwicklung in Tunesien. Die Macht der Straße brachte eine Diktatur zu Fall. Dazu beigetragen haben auch Tools wie Facebook und Twitter. Tunesien – einem halbwegs offenen Land – war es unmöglich, diese Formen der viralen Kommunikation zu kontrollieren. Sobald die Tür einen Spalt weit geöffnet war, konnte die Flutwelle der Entrüstung und Frustration sich ihren Weg bahnen und am Ende sogar die Regierung aus dem Amtssitz schwemmen.
Facebook bietet jedem Nutzer eine Bühne. Das ist an sich schon revolutionär. Es ist schon überraschend, dass die meisten Menschen nie über diese Tragweite nachdenken, obwohl sie jeden Tag im Netz unterwegs sind. Sie realisieren oftmals nur, dass Facebook die Alltagskommunikation mit Freunden enorm vereinfacht hat. Ein Beispiel: Sie schreiben den Satz „Ich gehe heute Nachmittag in die Innenstadt“.
Sie brauchen diese Nachricht gar nicht an bestimmte Menschen versenden – Facebook sorgt dafür, dass die richtigen Adressaten über ihre Newsfeeds informiert werden. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass ihre Freunde spontan reagieren und sich ein paar Stunden später mit Ihnen treffen wollen.
Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, diesen Informationsaustausch für die Alltagskommunikation zu nutzen, wird deutlich, welche Verbesserung durch Vernetzung erreicht werden kann. Wir beginnen, auch solche Informationen auszutauschen, die für uns wirklich von Bedeutung sind. Wenn es um politische Fragen geht, wird Facebook zum Instrument der Zivilgesellschaft. Vielleicht haben Sie sich noch nie aktiv am politischen Diskurs beteiligt. Wenn Sie aber lesen, dass sich in Tunesien ein Mensch aus Protest vor dem Parlament verbrannt hat, werden Sie den entsprechenden Artikel möglicherweise mit einem einzigen Klick verlinken – und schon sind Sie politisch aktiv.
Das Interessante ist, dass Menschen auf der ganzen Welt immer vertrauter mit der Welt der sozialen Netzwerke werden. Wenn diese Menschen dann etwas Bedeutendes zu berichten haben, werden sie sich auch immer stärker dieser Netzwerke bedienen. Sie werden weniger Informationen für sich behalten und sich stärker in Diskurse einschalten.
Ein Land nach dem anderen wird sehen, wie sich der Austausch von Informationen durch Facebook radikal verändert. Jede Nachricht, die Enthusiasmus generieren kann, hat das Potential zu viralen Verbreitung. Heute sind das vor allem Mitteilungen über Parties oder Klatsch. Doch es gibt prinzipiell nichts, was einer Politisierung der Kommunikation im Wege stände. Und am Ende des Tages flieht Präsident Ben Ali aus dem Land.
Die gleiche Dynamik ist auch beim Austausch zwischen Firmen und ihren Kunden zu beobachten. Firmen können nicht mehr davon ausgehen, Informationen und Werbung im Einbahnstraßenmodus an ihre Kunden zu versenden und somit die Verkaufzahlen anzukurbeln. Die Kunden selbst agieren jetzt als Multiplikatoren. Wenn sie ein Produkt oder eine Dienstleistung beurteilen oder kommentieren wollen, können sie diese Informationen schnell und unkompliziert weiter verbreiten. Wenn sie unzufrieden sind, können sie diesen Unmut viral kundtun.
Wir bewegen uns mit rasanter Geschwindigkeit auf ein Zeitalter zu, in dem der Einzelne durch die Macht des technologischen Fortschritts immer weiter emanzipiert wird. Je mehr Menschen Zugang zu Smartphones haben, desto schneller läuft diese Entwicklung ab. Wir sind nicht mehr an den Arbeitsplatz gebunden, sondern immer und überall vernetzt.
Es ist unmöglich, die sozialen, politischen und kulturellen Konsequenzen dieser Entwicklung abzuschätzen. Eines ist sicher: die Welt von morgen wird sich drastisch von dem unterscheiden, was wir heute als Alltag bezeichnen. Und ich bin überzeugt, dass sich die Balance zum Positiven verschieben wird.
Dieses Essay entstand für das DLD Format ’DLD debate`. Alle bisher erschienenen Beiträge von ´DLD debate` sind auf den Seiten von FOCUS Online und The European abrufbar.





